Ich suchte einen Hund Teil II – weitere Spannende Jagdgeschichten

Ich suchte einen Hund Teil II – weitere Spannende Jagdgeschichten

Seitenblick. „Glaabs eh; glaabs eh.” „Brauchst dir nimm mal ans z’leicha nehma, wo’st eh nix mit triffst, gibst in Herrn Baran in Hund, der Herr Baran hat sei Revierl, kimmt da Hund alle Tag außi, hast a schöns Andenken.”
„Gib i scho zu; gib i scho zu.”

Die Standpausen wurden immer häufiger, unterm oft gelüfteten Hute, auf der Überwölbung wogender Gedanken, schien plötzlich eine schwüle Massenerzeugung von Reizerregern ausgebrochen zu sein. „Gib i scho zu; gib i scho zu. Aba wo hoit die Frau und die Kinder den Hund so viel gern haben.”

„A geh, Kaiblinga”, mischte sich jetzt ein anderer ein, Mitterer von Groß-Am, selbst dort Jagdpächter, Besitzer des schnittigen Kurzhaarbraunschimmels und, wie ich später erfuhr, des vielbestürmten Kaiblinger Schwager; „A geh, Kaiblinga, für d’Frau und die Kinder, zan Wachten und Umaranandzahrn tuats na anderer aa. I, wann mir der Herr Baran von seine G’wihr ans gäbet für mein’ Lord – is aa net z’wida, da Lord, no, der Herr Baran hot’n eh g’sehgn, den Hahn, wia r’n großmächtig weit dahergebracht hat – is an net z’wida, da Lord, aa’ra recht a kommoda Hund, da Lordl, gel Lord?”. . .

Allein, der Schwestermann ließ nun schon selbst nicht mehr locker. „Ja na freili, so a nobligs Stückerl wie’s da Herr Baran hat, dees waar scho was Feins. Dass i hoit aa’r amal zu an eigenem kämet, was für a welchs möchte denn dös nach sein?” Er ließ einen listig begehrlichen Blick über meine Collath-Zwölferin, die weithinschattende, gleiten. „Die da, die waar glei was für mi. Wie da Herr Baran ban Schmoll-Maßl dromat die drei Hasen hinteranandarr niedarrdraht hat – i bin herentern Herrn Baran g’standen und hab grad nur zug’schautmei Lia- ba, Himmifix, dees war d’r scho aa Klaß. A so G’wihrl, ja, dees könnt ma passen.”

Kleiner Schäker. Ich ließ den fremdartigen Verschluß spielen. „Aber nichts für Sie; schauen Sie her.” „Ah geh, sowas; sowas gibt’s aa?” „Nicht wahr?” „Ah da schaug. Mitterer, da schau her; sowas hast a no net g’seg’n.

Z’erscht zhiagt’s d’Läuf füri, nacha außi, nacha aufi, nacha doni, nacha eini, nacha zaruck. Als dern sowas! Und da Schrauf dromat, für was is der?” „Das ist die Sicherung.” „Sicherung?” „Sicherung. So ent, so ge. Sie, ich sag Ihnen, wenn man das nicht von zartester Kindheit her gewöhnt ist, da können die furchtbarsten Dinge passieren. Bis Sie sich da richtig auskennen, gibt’s dreimal Leich mit Zehrung.” Jener beutelte den dicken Kopf. „Ganz was Neuches. Sowas kenn mi dahier net.” „Glaub ich. Ganz was Neues zwar nicht, aber dafür aus Preußen.” Seitenblick voll scheuer Ehrfurcht und Argwohn. „Aus Preißen, gengens; aus Preißen?” Und, beinah, gedämpft: „Der Herr Baran leicht selber a Preiß?” „Nicht ganz.” „Aber a Deitschländer, geltens?” „Halb hoffentlich, halb auch nicht ganz. Sagen wir einfach: Deutscher. Grenzdeutscher: das ist doppelter Deutscher.”

„Na, hab mirs eh glei denkt, ka Hiesiger is da Herr Baran net, hab i mir denkt, nach der Sprach.”

„Sie, Herr Kaiblinger, wanns Ehna da nur net teischen! I kann Ihna fragen: Alsdern wie es, machmer a G’schäft, machmer ka G’schäft, wollens in Hund vakaffa, wollens ehn net vakaffa? . . . oder: Mensch, nun redense, ma- chense keene langen Zicken: von weien Ihrer Ollen und die Jören! Wollense de Töle vakloppen oda nich? Wenn nich – bei mir Briefmarke.” So in traulichem Wechselgespräch, Kaiblinger völlig benommen, erreichten wir die gastliche Stätte.

Ein Kreis marktgeübter Überredungskünstler bearbeitete den längst schon mürben Kaiblinger: eine andere, fast ebenso starke Partei den heimlich längst schon entschlossenen Käufer, mich. Es gehörte einfach dazu: es war Sport: es war Ritus; es war Zeremonie; es war geheiligtes Brauchtum. Während jener, hilflos und bedrängt wie eine anstands- und sittenhalber sich sträubende und weinende Braut immer wieder sein Sprüchel von Frau und Kindern, G’wihrl und Klaß, Gründe und Gegengründe jedem einzelnen besonders aufsagte, widmete ich mich einmal in aller Ruhe der Hauptpersönlichkeit selbst, dem Hunde.

Traurig und unsäglich gut, ungläubig und forschend sah er mich an: „Bist du auch einer, der nicht hierhergehört? Bist du es, den ich suche?” „Also, wie heißt du eigentlich, mein Freund?” Rolf, war mir gesagt worden. „Rolf!” Aber der Name fand keinen rechten Widerhall. „Flock! Stropp! Troll! Trotz!” Blieb alles unbeantwortet. „Rex! Petz!” Da begann die Rute ganz leise und schnell zu trillern. „Ah, also ein E-Hund sind wir, nicht nur ein Klaßhund; dieses sowieso. Bleiben wir gleich bei Petz, das paßt auf dich und deine Bärenbrust und deinen guten ollen Suppenbart; einen Petz haben wir schon einmal gekannt und vorübergehend besessen, das war auch so ein Kerl wie du. Also, Meister Petz, laß sehen.” Brust einfach prachtvoll, Behang sehr gut, Nacken wie eines Bullen; Fang ein bisschen tief, aber das wollen wir ertragen. Gebiss? So aufs dritte Feld schätzen wir dich, mein Alter. Aha, das rechte Aug; das war das Suppige vorhin im Wald, ein ganz kleines Entropium. Läßt sich mit einfachem Eingriff beheben, neigt aber zu Rückfällen; wenns dir nichts ausmacht, uns solls nicht hindern, auf Schönheitkonkurrenz gehen wir nicht, Herrchen, wie Wotan, Hagen, Ziska, Sertorius und überhaupt alle besseren Leute, hat auch bloß ein Aug, und gar so schlimm sieht die Geschichte nicht mal aus, nur Wimper, nicht eigentlich Lid.

Schulter vorzüglich, also davon haben wir ja eine Glanzprobe gesehen; Pfote sehr gut; um zwei Finger zu lang kupiert haben sie dich, aber nun, bist wohl über das er-wartete Maß hinausgewachsen. Bißchen überbaut sind wir, beinah so ein bisschen schweißhündisch gestellt, und dazu, oder eigentlich mehr noch zum richtigen alten deutschen Vorstehhund stimmt auch irgendwie etwas im langen schmalen Oberschädel, im Behang, im tiefen Fang, in den Lefzen. Aber keine Sorge, deshalb haben wir dich doch lieb; und von wegen der Spur Senkrücken, das muss nicht mal Nachlaß von Staupe sein, das ist nichts als Mangel an Lebensstoffen, das ist Mangel an Lebensfreude, Magel an geregelter Arbeit, Mangel an körperlicher und seelischer Pflege, das ist Heimatlosigkeit, das ist heimlicher Kummer; paß mal auf, unter Herrchens Hand, bei Frauchens Töpfen, in beider Herz, da wirst du dich nach drei Wochen selbst nicht wiedererkennen. Nur dich umfärben, das können wir freilich nicht; ein drahthaariger Pointer sozusagen, das bist und bleibst du; lieblose Leute werden dich eine Blendlaterne nennen. Aber das soll uns nicht weiter bekümmern; diese mißgünstigen Menschen wissen eben nichts von jenen mit Recht berühmten helleren Stämmen verschiedener Rassen, bei ihnen fängt der Hund mit Leberbraun an und hört mit Brauntiger auf, sie lesen keine Zeitschriften, sie sehen keine Bilder vom guten Onkel Bernhard, mit dem wir damals anno Milliarde dort irgendwo hinter der Ballenstedter Teufelsmauer mit teuren Patronen und hungrigen Mägen unsere Inflationshasen geschossen; und der preisbedeckte, der sieggekrönte, der gefeierte Artus, ist der nicht noch lichter als du, bist du nicht neben dem noch der reinste Braunschimmel?… Also, mein alter Petz, schlag ein, reichen wir uns die Pfoten: auf eine lange und treue und frohe Kameradschaft!

„No, der hat a Glück!” Eine rauhe Weinstimme störte unsere stille Zwiesprach. „Erst ban Gruber, nacha ban Wimmer, aufs letzt no ban Hern Baran! Der hot a Glück!” Ich horchte auf. Gruber? Wer war das? Und jetzt kam das Ganze, kam wenigstens ein Größtteil dessen, was ich noch später erfahren, heraus.

Gruber, das war ein großer Bauer in meiner Nähe, in den Vorhügeln des Hiersbergs; und Wimmer, dieser berühmte Wimmer, das war der – Abdecker; der Wasenmeister; der Schinder. Dem Gruber, oder richtiger: dem Hause war der Hund eines schönes Spätsommertages zugestanden. Unerforschlich, woher. Vielleicht war er in der weiteren Umgebung irgendwo, im Melktal oder auf einer der vielen irrsamen Straßen gegen die Jagdgründe und sonstigen Ziele der Voralpen und Alpen hinein, Reisenden oder Ausflüglern abhanden gekommen; aus dem wartenden Auto, aus der Langeweile des Aufenthaltes, irgendwie. Diebstahl ist auch möglich, aber nicht recht wahrscheinlich. Zwar es starrt Österreich geradezu von „Fechtern”, deren mancher ei-nen armen alten ausgedienten „Steirer” oder „Tiger”, von seinem treudankbaren Herrn zum – Bettelmannsbraten begnadigt, hinter sich herwürgt oder einen „Spezi”, „Bubi”, „Strizzi” leichteren Kalibers von empfangenen Almosen förmlich mästet, um sich dann einmal irgendwo in einer Waldschlucht in aller Gemütlichkeit einen fetten Sonntag zu bereiten; von Schleifern, Korb- und Siebmachern, Fahrenden und Herumziehenden aller Arten und Geblüter, halben und ganzen Zigeunern, die gar nicht so selten, dreifach erbosende Revierpest, vier, fünf, ein halb Dutzend Hunde, darunter solche reinster Rasse, alle selbstredend geschenkt bekommen oder gekauft, mit sich führend, schöne Kurzhaare bisweilen als Karrenzieher, Dobermänner, Schnauzer, Doggen, Terrier, Kleinpinscher, Spitze, Langhaarwelpen, je nachdem als Wächter, als Handelsware oder eisernen Proviant.

Ausgeschlossen ist es nicht, dass unser Freund eine solche Schule des Leidens erlebt und erlitten, bis er sich mit wildem Entschluss aus dem entwürdigenden Verhältnis befreit; indes, seine gefährlich auffallende Farbe und noch andere seiner Eigenschaften sprechen gegen eine Entführung. Sicher ist, dass seinesgleichen nirgends im Umkreise gesehen, und dass aus den Nachbarschaften rings keine Nachfrage je ruchbar geworden; so musste er wohl aus fernem, und er musste aus gutem Besitze stammen, denn was aus ihm sich entfaltete oder viel nebst Rucksack, Mantel und Hut, Und er grunzte nicht, er wedelte leise, wie in scheuer Liebe, Bitte und Hoffnung. „Sei nur ruhig, mein Alter; wir haben uns die Hand gegeben; wir bleiben beisammen.”

Das Herz hatte mich geführt; und es hatte mich gut geführt. Einige sechs Wochen später erst wurde der feierliche Austausch vollzogen. Eben auf jener für mich denkwürdigen Jagd oder vielmehr beim überfetten und weinsauren Schüsseltreiben hatte ich mir eine gründliche Verstimmung zugezogen; kaum wieder richtig beieinander, bei halbem Sturz auf vereistem Acker eine Sehne hässlich gezerrt, und gleich tags drauf mit dem ungeschickt steifen Dickbein auf der hühnersteigsteilen Treppe beinahe das Kreuz gebrochen. An Ausgang war nicht zu denken, und den Hund wollte ich unbedingt gleich in tägliche Arbeit und Bewegung hinein übernehmen. Endlich schlug die Schicksalsstunde. Gleich vier Mann hoch kam die Bauernschaft angeradelt und angestiefelt, Gehörne, Geweihe, Gewehre zu sehen. Eine Urkunde wurde aufgesetzt, die ausersehene Tauschwaffe, ein mir viel zu krumm geschiftetes und zu kurzläufiges Hahngewehr nebst Gebrauchsanweisung, vielen guten Ermahnungen und stillem Segen eingepackt; dann war ich mit meinem Glück allein.

Den Hund zu zerstreuen und anzuwärmen, nahm ich ihn noch selben Nachmittags hinaus ins Revier, bei der Nähe des Vorbesitzers weiter kein Wagnis. So ein anderthalb Dutzend überzähliger Hähne hatte ich eigens für den erwarteten Freund zurückgestellt. Willig und führig vom Fleck weg arbeitete sich der mächtige Kerl an den bebuschten Bachufern hin in seinen neuen Lebensraum, sein neues Dienstreich. Es war von dieser ersten Stunde an nichts als reiner Genuß. Weithin wurde der Fasan – oder vielmehr zum Fasan – angezogen, bombenfest bis zum Einsprungsbefehl der sich Drückende gestanden, gewandt der Rennende gegen den Schützen hin Umschlägen, selbständig der Laufende oder Verkrochene aus unsichtigem Dickbusch aufgestoßen, in prachtvoller Form, sauber und windschnell der Geschossene beigebracht. Pointer im platten Feld, Pudel an Verstand und Feinappell, Spaniel im Holz, Retriever im Apport, würde der alte heilige Hegewald gejubelt – und im übrigen über die „Blendlaterne” seine sperr- und fettgedruckten Purzelbäume geschlagen haben. Und schon zeigten sich Feinheiten!

Ich suchte einen Hund Teil III