Mit Hilfe von Hunden jagen – spannende Jagdgeschichten

Bis zur achten Lebenswoche verläuft das Leben der meisten Hunde unter Obhut der Hündin nach biologischen Vorgaben fast gleich. Dann aber greift eine fremde Hand in die Wurfkiste. Und das ist der alles entscheidende Moment für das künftige Hundeleben. Der Welpe begrüßt diese Hand in jedem Fall arglos und freundlich. Er nimmt sie bedingungslos an, bekennt sich zu ihr und bringt ihr vertrauensvoll seine ganze Hingabe sowie die Bereitschaft zu lebenslanger, unverbrüchlicher Treue entgegen. In seiner infantilen Hilflosigkeit kann er nicht wissen, ob es eine gute Hand ist, die künftig sein Leben lenkt. Wird sie ihn kundig durch ein artgerechtes Hundeleben führen zehn bis fünfzehn Jahre – vielleicht gutgemeintes Unverständnis ertragen lassen -, oder gar mit kalter Berechnung zum Werkzeug menschlicher Eitelkeit und Gewinnsucht machen?

Assa, die leidgeprüfte Schweißhündin, hirschrot, dunkel-gestromt und edelsten Geblütes, hätte von all dem nichts erlebt und ertragen müssen, wenn nicht – wie so oft – der Mensch der Natur seinen Willen aufgezwungen hätte.

Die Natur wollte Assa das Dasein ersparen; der Züchter wollte der Natur ihren Lauf lassen. Aber der Ehrgeiz eines Tierarztes verhinderte das und zwang auch den kleinsten und schwächsten Welpen des Wurfes mit Medikamenten in das Drama seines Lebens.

Assas Geschwister wuchsen kräftig, hatten das seidig rote Fell gesunder Schweisshundwelpen und lernten in aufmerksamem Spiel mit Mensch und Tier das Muster für ihr späteres Leben im Dienst waidgerechter Jagd. Assa selbst blieb stumpf in ihren Reaktionen, hielt sich inaktiv und separat, fraß wenig und wuchs schlecht. Aber sie lebte, was als Erfolg der Veterinärmedizin angesehen wurde.

Als ihre Geschwister nach und nach abgeholt wurden, blieb Assa allein. Sie war unverkäuflich und auch als Geschenk niemandem zuzumuten. Aber sie war nun mal da und gehörte als Sorgenkind zur Familie. Im Laufe der folgenden Monate besserte sich ihr Zustand unter weiterer Behandlung und Vitamingaben soweit, dass ihr äußerlich – auch mangels Vergleich – ein schweres Manko nicht mehr anzusehen war.

Im Hof des Forsthauses lebte sie fast normal, fiel nur gelegentlich in eine ohnmächtige Starre, wenn sie vom dreisten Federvieh allzusehr bedrängt wurde.

Bei einem Semesterfest traf der Förster und Züchter einen Freund und Kollegen. Der nahm den Hund zu sich, weil er einen Schweißhund brauchte und seine Frau – eine Tierärztin – diesen „Fall” wieder als Herausforderung ansah.

Der neue Besitzer und besonders dessen Frau gaben sich viel Mühe mit Assa. Medizinische Erfolge stellten sich zuerst ein und ließen den Jäger kurzfristig an einen genesenen, jetzt vollwertigen Hund glauben, was aber dazu führte, dass Assa Dinge abverlangt wurden, die sie nicht vollbringen konnte.

Mit Geduld und Mühe lernte sie brauchbare Arbeit auf der Übungsfährte, aber Nachsuchen mit ihr mussten zur Enttäuschung werden. Ihr Konzentrationsvermögen war stark begrenzt, und nach freier Hetze irrte sie orientierungslos umher. Nach zwei klassischen Anfällen stand die endgültige Diagnose und Ursache allen Übels fest: Epilepsie.

Assa konnte den ihr zugedachten Platz nicht ausfüllen und musste erleben, wie ihr trotz aller Fürsorge ein quick-lebendiger Welpe über den Kopf wuchs und schnell den sozialen Rang ablief. Die neue Hündin war unverträglich und stark. Assa war schwach und wurde unverdient zum Prügelknaben der anderen robusten Gebrauchshunde.

Da traf es sich, dass ein Landwirt für seinen Marschhof an der Küste einen ruhigen, schönen Flund suchte, der jagdlich nicht gebraucht werden sollte, sondern nur friedlich mit anderen Tieren sein musste.

Assa schien ihm dafür genau richtig: ihre Fehler störten ihn ebenfalls nicht. Der große Hof wäre für Assa auch ein Platz an der Sonne gewesen, doch diesmal war es ihr Name als Schweißhund, der das schwache Wesen über den Nestrand und letztlich in sein Verderben stürzte.

Es blieb nicht aus, dass für auch dort anfallende Nachsuchen auf Rehwild das kranke Tier mit dem Aussehen eines Schweißhundes herangezogen wurde. Herbe Enttäuschungen waren die Folge und mögen der Grund dafür gewesen sein, dass Assa eines Tages als Schweißhund in einer Jagdzeitschrift zum Verkauf angeboten wurde.

Nun sind erwachsene Schweißhunde allgemein fast unverkäuflich und leistungsfähige, erfahrene Hunde erst recht. Das weiß jeder Schweißhundführer. So kam die Resonanz auf das seltene Angebot nicht aus Fachkreisen, sondern hauptsächlich von Leuten, die sich auf der Jagd bevorzugt mit den feinsten, teuersten und exklusivsten Utensilien umgeben. Ein Hund seltenster Rasse, hirschrot mit dunkler Tigerstromung, schwarzer Maske und legendärem Image passt dazu. Schnell war der Handel geschlossen; Assa wurde wieder in ein fremdes Auto und ungewisses Schicksal bugsiert. Über den Preis und die Absprachen ist nur so viel bekannt, dass der Käufer nicht betrogen und statt dessen mit offenen Karten gespielt wurde.

Über die Qualitäten des neuen Besitzers als Schweiß-hundführer war nichts bekannt. Man erfuhr lediglich, dass er ein recht erfolgreicher Geschäftsmann sei. Mit Assas Abtransport in die Entfernung der großen Stadt geriet sie einstweilen in bange Vergessenheit.

Kein halbes Jahr war vergangen, da rief der Sachbearbeiter einer großen Versicherung bei dem Förster an, der sich mit Assas Ausbildung große Mühe gegeben und sie sogar durch eine erste Prüfung gebracht hatte. Der Schadensregulierer fragte an, wie viel die Assa wohl wert gewesen sein könnte. Der Jagdaufseher des Kaufmannes habe sie versehentlich erschossen. Als der Förster spontan erklärte: „Der Hund war als Jagdhund wertlos, ich habe ihn deshalb in gute Hände verschenkt”, war der Versicherungsmann erschrocken und ernüchtert zugleich.

Der Geschädigte hatte den Wert des toten Hundes mit 10 000 € angegeben und davon 4000 € als Abschlag bereits kassiert. Der Versicherungsfall war dadurch gegeben, dass der versicherte Jagdaufseher des Kaufmanns angab, bei nächtlicher Nachsuche einer Sau im fahlen Mondlicht versehentlich den Schweißhund erschossen zu haben, den sein Chef am Riemen führte.

Die Versicherung verlangte das gezahlte Geld zurück; der Kaufmann rückte es nicht heraus. Als man sich Wochen später mit Zeugen und Gutachtern hinter der schweren Tür des Amtsgerichtes traf, ging es nicht um Assa, auch nicht um die Zuverlässigkeit des Jagdaufsehers im Führen von Waffen oder um seine Glaubwürdigkeit, sondern nur um das Geld, um die 4000 €, die der Kaufmann behalten und die Versicherung zurückhaben wollte.

Der Richter urteilte nach kaufmännisch-rechtlicher Betrachtung: Die Versicherung verlor mit der sinngemäßen Begründung, sie habe es selbst zu vertreten, wenn sie sich nicht rechtzeitig vor freiwillig angebotener Zahlung über den Wert des Versicherungsgegenstandes informiert habe.
Die zweite Instanz schloss sich der Auffassung des Amts-gerichtes an; der smarte Kaufmann durfte die versehentlich geleistete Anzahlung behalten, zeigte sich hochzufrieden und war seinem Jagdaufseher keineswegs böse.

Zur Feier des Heiligen Hubertus und seiner edlen Tugend fand im Herbst desselben Jahres der große Ball der Jäger statt. Der festliche Kuppelsaal der Landeshauptstadt prangte im Glanz von Lackschuhen, Silber und funkelndem Kristall. Die Reden der Waidmänner waren üppig wie Tombola und Festbankett, die Gäste hochkarätig und nur geladen. Keiner in Grün, alle in Schwarz und alle mit weißer Weste.

Einer fiel auf. Zuerst dadurch, dass er bei einer Runde Sekt den Verlust seines Schweißhundes beklagte, und dann durch eine rote Schärpe, die breit und leuchtend seine Brust schmückte, die aber auch große Teile seiner weißen Weste überdeckte.