Mit Hunden durch dick und dünn – spannende Jagdgeschichten Teil I

Es wollte kein Schnee fallen in diesem Winter. Die deshalb selteneren Drückjagden lasteten uns nicht ganz aus – meine Hunde und mich. Und so fand ich endlich Zeit, einiges von dem aufzuschreiben, was wir im vergangenen Jahrzehnt miteinander erlebt haben, damit es nicht in Vergessenheit gerät.

Sie erinnern sich vielleicht an meine Ausführungen über Jagdhunde, die zugleich Schutzhunde sind, wobei ich meine mit Jagdterrierblut „gewürzten” Airedales kurz erwähnte. Von eben diesen Hunden handelt der Bericht. Zum besseren Verständnis der Zusammenhänge stelle ich vor:

Mara – SchH III und JEP, reine Airedaleterrier-Hündin, im 13. Lebensjahr:
Max – SchH III und JEP, Maras elfjähriger Sohn, Vater ein Deutscher Jagdterrier;
Marotte – vierjährige Tochter von Max und Mara.

Als ich mich heute mittag mit meinen Hunden auf dem Wohnzimmerteppich balgte (Dank allen Ehefrauen, die so etwas, wenn auch widerstrebend, zulassen) und sich mein alter Max voller Inbrunst dabei mit seinem ganzen Gewicht über mich wälzte, stellte ich zufrieden fest, dass mein Brustkorb nicht mehr schmerzt. Immerhin habe ich wochenlang nicht richtig durchatmen können nach einem nicht eben alltäglichen Drückjagd-Erlebnis.

Wir jagten im Großen Leu, vornehmlich auf Sauen und Kahlwild. Kurz nach dem Antreten der Treiberwehr in einer gut mannshohen Kieferndickung gaben die Hunde bereits giftig Laut, und schon brach 20 Schritt links von mir ein mächtiges Alttier in hoher Flucht nach hinten durch.

Schnell sprang ich auf die Fährte, um meine Hunde abzufangen, damit sie nicht unnötig nachhängen, sondern vorwärts suchen sollten. Es gelang. Zuerst pfiff ich die schnelle Marotte ab und dann den Max, der sich nur widerwillig fügte.

Weiter ging es, und wieder meldete die tiefe Stimme des Rüden, dass er Rotwild vor sich hatte. Tier mit Kalb nach rechts vermochte ich noch zu registrieren, da prasselte es vor mir, und nach einem fürchterlichen Schlag gegen die Brust (handbreit über dem Solarplexus) fand ich mich, nach Atem ringend und auf dem Rücken liegend, im Farnkraut wieder. Ein Stück Kahlwild (ich sprach es wegen der Wucht des Schlages als Alttier an) hatte mich „angenommen”; Glück im Unglück, dass es kein Hirsch war!

„Das hat geknallt wie der Kugelschlag auf einer groben Sau”, meinte anerkennend einer der beiden netten Forst-praktikanten, die als meine benachbarten Treiber herbei-geeilt waren, um mich wiederzubeleben. In Anbetracht ihrer üppigen Vollbärte lehnte ich eine Mund-zu-Mund- Beatmung ab. Und da es aussichtslos schien, die einzige jugendfrische Treiberin vom entfernten linken Flügel dazu anzufordern, rappelte ich mich also auf, um humpelnd und recht kurzatmig wieder Anschluss zu suchen.

Irgendwie war ich jedoch angetan von dem Geschehen und etwas stolz darüber, dass das alte Gerippe im siebenten Lebensjahrzehnt dem „Angriff” standgehalten hatte. Das Kahlwildrudel war durch die großen Hunde indessen vorbildlich gesprengt worden. Ein Kalb kam zur Strecke, Alttiere wurden geschont.

Schade, dass es in der nächsten Dickung mit den Sauen nicht klappte. Da hatte sich eine Bache geschickt ohne Hundeberührung mit ihren Frischlingen durchgemogelt. Als dann Max und Marotte fast gleichzeitig auf die warmen Fährten stießen, waren sie nicht mehr zu halten. Lauthals stürmten beide der Rotte nach, die leider bereits unbeschossen das Treiben verlassen hatte.

Wir sammelten uns, gerade als das Geläut in der Ferne verklang, um im Zuge eines Weges einige hundert Meter nach rechts zu verschieben und von dort erneut in bisheriger Richtung weiter zu treiben. Es war eine der typischen, immer wieder in Varianten vorkommenden Situationen, wo vor dem Richtungswechsel auf die Hunde gewartet werden sollte. Aber die Zeit drängte. So blieb ich allein zurück, nahe der Stelle, wo meine Terrier die Saufährten angenommen hatten, wusste ich doch, dass sie diese nur bis zur Schützenlinie arbeiten und dann zurückkehren würden.

Es ist für das Verständnis zwischen dem Hundeführer und seinen Stöberhunden außerordentlich wichtig, dass die Hunde nach jeder Hetze Führerkontakt suchen, also auf der Eigenspur bis zum Ausgangspunkt ihrer letzten Aktion zurücksuchen, um danach neu angesetzt werden zu können. Ich wartete keine zehn Minuten, da preschte bereits, wie erwartet, Marotte durch das lichte Altholz auf mich zu. Mit angemessener Verzögerung erschien dann auch Max.

ich schildere diese scheinbare Nebensächlichkeit, weil sie für den Kenner der Materie deutlich macht, wie das Gespann Mensch-Hund während der Drückjagd meiner Auffassung nach funktionieren soll, und verhehle dabei nicht, dass diese Wechselbeziehung mir wichtiger ist als der persönliche jagdliche Erfolg in Form von Beute.

Nun, während der Wartezeit, die ich nach meinem Sturz auch als Verschnaufpause nutzte, hatte ich Muße, meinen ramponierten Körper auf Schadstellen abzuklopfen. Der rechte Arm war arg geprellt, das kriegslädierte linke Knie wollte auch nicht so recht und beim Atmen musste ich erst eine neue Kurz- und Flachtechnik üben, um den Schmerz in der Brust auszutricksen.

Ärgerlich außerdem, dass die Laufmündung meiner Büchse durch einen tiefgreifenden Pfropfen Walderde verschlossen war, der sich erst zu Hause mit Hilfe eines Reinigungsstockes entfernen ließ. Ich schwor daraufhin, künftig nie mehr ohne Klebeband als Mündungsschutz, der ja problemlos durchschossen werden kann, durch die Dickungen zu kriechen.

Es ging weiter. Wieder mit den Hunden vereint, strebte ich nach dem üblichen Begrüßungszeremoniell (so, als hätten wir uns seit Tagen nicht gesehen), mit dem die Leitung des Führer-Wiederfindens stets aufs neue zu belohnen ist, dorthin, wo die Treiberrufe ertönten, und fand Anschluss. Die drei Überläufer, die Max dann in der lezten Dickung bewegte, verließen deren Schutz leider erst nach dem Abblasen.

Schade, hätte man doch auf den Hetzlaut des Rüden geachtet und noch fünf Minuten gewartet. Müde und sichtbar traurig kam mir der alte Kämpe entgegen. Was sollte er auch von Jägern halten, denen er sein Lieblingswild servierte, ohne dass sie dieses geschossen hätten. Ich hob ihn in das Auto – den Sprung hinein schaffte er nicht – und tauschte ihn für das letzte Treiben gegen seine Mutter Mara aus.

Natürlich bringt die alte Hundedame im 13. Lebensjahr nicht mehr viel; aber für ihre Tochter Marotte ist es äußerst wichtig, öfter mal ohne meinen Kopfhund Max zu jagen, an dem sie mir zu sehr klebt, damit sie zu selbständigem Stöbern reift. Mühsam kämpften wir uns erneut durch die Dickungen, in denen es der nahende Abend bereits dunkeln ließ. Irgendwo fern auf der Gegenseite ein Schrotschuss, schließlich noch eine Ricke, von der ich Marotte mühelos abrufen konnte. Das war es dann wohl.

Doch als wir zum Sammelplatz trotteten, gab es noch eine Einlage. Der Schrotschuss vorhin galt einem Hasen, und dieser hatte mitten in der Dickung reichlich Wolle gelassen. Skeptische Frage des Schützen: „Können das Ihre Hunde?” Am Anschuss prüfte Marotte interessiert die neue Lage, äugte mich fragend mit weißem Wolletupfer auf der Nase an und war nach meiner Aufforderung in der Dickung verschwunden. Bald schon verkündete ihr ferner Hetzlaut, dass sie gefunden hatte. Und etwas später ertönte, noch eben für mein Ohr vernehmbar, Lampes Klage.

Ich eilte dorthin, um der kleinen Hündin den Apportierweg über Stubbenbarrieren und durch die enge Fichtendickung zu verkürzen. Am nächsten Querweg übergab ich ihr dann wieder den Mümmelmann, den sie nun stolz tragen durfte. Ich hatte den Eindruck, dass sie sich in diesem ihrem Erfolg richtiggehend sonnte und auch die anerkennenden Bemerkungen rundum wohl zu würdigen wusste.

„Was ist schon ein Hase?” wird mancher fragen und dabei an Strecken von 100 und mehr seiner Art denken. Dieser hier wog schwer. Er hatte Marotte aus dem Schatten des Rüden Max befreit und mich im anschließenden Schüsseltreiben meine Brustschmerzen vom Rotwild-Umfall vergessen lassen.

Minister-Jagd im Kaiserwinkel. Statt der Sauen, um die es in erster Linie ging, belebte nur Rehwild das erste Treiben. Ich hatte zunächst keine Mühe, in dem verhältnismäßig übersichtlichen Laubholz meine Hunde abzupfeifen. Aber dann geschah es: Es knallte hinter mir aus der Richtung, in die soeben eine Ricke die Treiberwehr durchbrochen hatte. Max musste natürlich mal nachsehen, was da beschossen worden war.

Und das war auch gut so, denn bald schon übertönte der Klagelaut des Rehes die Rufe der Treiber. Ich lief zurück und erlöste die Ricke, die nach hohem Hinterlaufschuss von meinem Rüden mit Drosselgriff gehalten wurde. Infolge dieses Geschehens waren meine Hunde während des ganzen Jagdtages so stark auf Rehwild fixiert, dass ich mir ernstlich Sorge machte, wie ich das wohl wieder korrigieren könnte. Ein Erfolgserlebnis an Sauen musste her, und -Diana sei Dank – es kam schneller als erhofft.

Eigentlich wollte ich nur mal feststellen, ob das Licht reichte auf der Kanzel an der Sauenwiese. Es war am Sonnabend, dem 18. Dezember, und die energieverschwendende vorweihnachtliche Leuchtreklame der sechs Kilometer nahen Stadt Uelzen reflektierte vom tiefen Wolkenhimmel wie ein verdeckter Mond. Trotzdem, von meinem Ansitz aus genügte das Licht bestenfalls für stärkere Sauen, nicht aber für einen einigermaßen sicheren Schuss auf die hier erwartete Rotte mit den etwa vierzigpfündigen Frischlingen, deren Färbung in diesem Alter sich kaum vom Hintergrund abhebt.

Also bäumte ich bald wieder ab, um nach Hause zu fahren. Routinemäßig leuchtete ich mit dem Glas entlang der Waldkante die Wintersaat ab, die in den letzten Nächten von den Sauen öfter besucht worden war, weil dort zuvor Zuckerrüben standen. Zunächst meinte ich, die mir bekannte Ricke mit ihrem Kitz zu erkennen. Doch schon klopfte der Puls schneller: Die beiden Wildkörper, die sich da spitz von mir fortbewegten, waren Sauen. Und eine davon, die bedeutend schwächere, war so hellfarbig, dass ich im Moment an eine Schecke dachte. Kurzentschlossen sprang ich aus dem Wagen und hatte das Stück gerade in der letzten Sekunde im Bushnell Zielfernrohr, als es im Wald zu entschwinden drohte. Das ergab aber wiederum von der Beleuchtung her den günstigsten Augenblick wegen des schwarzen Hintergrundes.

Nach dem Schuss versuchte ich vergeblich, den Anschuss mit der Taschenlampe zu finden, und fuhr schließlich mit gemischten Gefühlen heim. „Warum musstest du auch unter diesen schlechten Bedingungen schießen”, regte sich das Gewissen, und „ich wollte doch bloß Freund Günters Saat verteidigen, war sicher nur ein Schreckschuss”, kam die (faule) Ausrede darauf.

War nicht das stärkere, unbeschossene Stück nach links über das offene Feld flüchtig geworden, während die beschossene Sau halb rechts im Altholz verschwand? Das konnte was zu bedeuten haben, musste aber nicht. Und wie war denn das Abkommen? Eigentlich ganz gut: hoch und weit vorn. Aber reichte das Vorhaltemaß auf den sehr spitz von mir wegziehenden Kujel bei mindestens 80 Metern Entfernung?

Nach unruhiger Nacht stand ich am nächsten Morgen wieder am „Tatort”. Max begleitete mich, um zunächst mal den Anschuss zu suchen. Das ging relativ einfach, weil die Fluchtfährte der stärkeren Sau sichtbar im großen Bogen nach links durch die Saat verlief. Einige Schritte zurück musste am Waldsaum die zweite Fährte stehen. Da markierte Max auch schon die Stelle und verwies zunächst einige Schnittborsten, zog weiter und zeigte den ersten spärlichen Schweiß.

Drei Schritt im Altholz hatte die Sau eine Eiche angeflohen und rot gefärbt. Max bewindete den Baum und überzeugte sich, dass unser Wild nicht oben in der Krone saß, wie er es aus Erfahrung mit den Katzen kennt. Danach ging es zügig voran, bis nach etwa 30 Metern ein Knochensplitter meine Zuversicht beeinträchtigte. Der Schweiß wurde weniger, und mein Hund führte mich nach einer fast rechtwinkligen Richtungsänderung auf den asphaltierten Weg zu, von dem aus ich die Sau beschossen hatte. Als er den Weg kreuzen wollte, trug ich ihn erst mal ab und fand nach mühsamem Suchen ein Eichenblatt mit stecknadelkopfgroßem Spritzer. Der Asphalt war sauber.

Jenseits des Weges zog mich der Rüde in eine enge Fichtendickung, die es mir schwermachte, dem heftiger vorwärtsstrebenden Hund zu folgen. Mehr als zwei Meter Riemenlänge konnte ich ihm nicht geben. Dann gestaltete es sich wieder etwas leichter für uns im anschließenden Kiefernstangenholz. Gut 300 Meter waren geschafft, als wir Stellen kreuzten, an denen Sauen frisch gebrochen hatten. Sollte das noch richtig sein, oder folgten wir bereits einer Verleitung?

Die Zweifel mischten sich mit dem Gedanken, den Komplex doch lieber erst mal im Zuge der Randschneisen zu umschlagen, um Verstärkung heranzuholen, falls die Sau noch stecken sollte. Ich verhielt, wischte den Schweiß von der Stirn und die Fichtennadeln aus dem Nacken, während Max miefend im Riemen stand und ach so gern weiterwollte.

Da bemerkte ich halb rechts im Unterholz eine Bewegung. Silbern schimmerte es im Gewirr der Dürräste, Gräser und Farne. Noch ein Aufblinken im Schein der Morgensonne an lichterer Stelle und der Spuk war lautlos verschwunden. Das war sie!

Der Rüde hatte nichts davon mitbekommen. Als ich ihn von der Halsung befreite, stürmte er wie ein Jüngling davon, machte eine Volte durch das Gehölz, fand kurz vor mir zurück auf die Fährte und jubelte im nächsten Moment hell auf, als er die warme Wittrung in die Nase bekam.

Der zunächst noch ruhige Fährtenlaut wies mir die Richtung, in die ich zu folgen hatte. Oder sollte ich nicht besser die 200 Meter zum Auto zurücklaufen, um die schnelle Marotte zur Verstärkung zu holen? Schaffte es der elfjährige Max allein, die Sau zu stellen? Ich folgte dem Ruf des Rüden, dessen mit zunehmender Entfernung leiser werdender Klang nun die giftigere Stimmlage der Sichthetze erkennen ließ.

Es ging parallel zum Steinbecktal diesseits der Wiesen durch Altholz, einen verschilften Ellerngürtel an der Schmalseite des Douglasiengatters entlang in Richtung Plantagendickung. Schnaufend erreichte ich endlich den Querweg davor. Außer dem Klopfen des eigenen Herzens war nichts mehr zu hören. In Kenntnis des alten Hauptwechsels bog ich im Zuge des Weges links ab und buchstabierte an weichen Stellen, bis ich den gespreizten Tritt der Sau fand, daneben die Abdrücke des Hundes.

Spätestens jetzt bestätigte sich der Verdacht, dass es ‘ich um einen Laufschuss handelte. Die Sau hatte, die vor ihr liegende Dickung meidend, den Weg angenommen, auf dem sie mit ihrer Verletzung besser vorankam. Ich verhoffte erneut nach 100 Metern, es waren nun etwa 700 Meter vom Ausgangspunkt der Hetze, legte beide Hände hinter die Ohren und hielt die Luft an.

Mit Hunden durch dick und dünn – spannende Jagdgeschichten Teil II